Wie Nasenriemen die Gesundheit beeinträchtigen können

von Andrea Zachrau

Viele Reiter träumen davon: Sie wollen mit dem Pferd eine harmonische Einheit bilden, die Spaß an der gemeinsamen Bewegung hat. Weder die Ausrüstung noch die Reiterhand sollten das Pferd in seinem Bewegungsablauf einschränken, damit es losgelassen und in Balance seinen Reiter tragen kann. Ist das Pferd mit einem Zaum ausgestattet, der es in seiner Kautätigkeit einschränkt, wichtige Energieleitbahnen blockiert und Nerven einklemmt, kann es weder physisch noch psychisch loslassen.

Seit jeher gehört der  Nasenriemen zur Standardausrüstung vieler Pferde. Die Intention, ihn zu erfinden, ergab sich allerdings aus einer Notwendigkeit heraus, die auf keines der heutigen Reitpferde mehr zutrifft: Der Riemen über dem Nasenrücken diente der Sicherheit von Pferd und Reiter, wenn sie gemeinsam in die Schlacht zogen. Dr. Christina Fritz, Fachbuchautorin und Biologin mit dem Schwerpunkt Tierphysiologie, erklärt: „Nasenriemen waren notwendig, als Pferde noch im Gefecht eingesetzt wurden. Sie sollten dafür sorgen, dass dem Pferd das Gebiss nicht durchs Maul gezogen werden konnte oder es das Maul so weit aufsperrte, dass das Gebiss nur noch in den Maulwinkeln wirkte und der Reiter keine Kontrolle mehr hatte.“ Heutzutage allerdings haben Nasenriemen in den meisten Fällen keine sinnvolle Verwendung mehr, sondern schaden häufig, weil sie falsch verschnallt werden. „In der korrekten Reiterei kommt es zu keiner so massiven Einwirkung, sodass das Pferd keinen Grund haben sollte, sich dem Zügel zu entziehen“, sagt Fritz. Wer dennoch nicht auf den Riemen verzichten möchte, sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass dem Pferd auch mit Nasenriemen die Möglichkeit gegeben werden muss, den Kiefer zu bewegen und zu kauen. Viele Reiter kennen zwar die Zwei-Finger-Regel, allerdings denken sie, dass die Finger zwischen die Unterkieferäste passen müssen. Das ist ein Trugschluss, denn dort ist immer ausreichend Platz, auch wenn der Nasenriemen stark angezogen ist. „Die Finger müssen zwischen Nasenrücken und Reithalfter gelegt werden“, betont die Biologin.

Biomechanische Verspannungen

Liegt das Reithalfter zu eng an, kann das Pferd das Maul nicht mehr öffnen und die Kiefermuskulatur verspannt. Das setzt biomechanische Verspannungen in Gang, die sich auf den gesamten Körper auswirken: Das Kiefergelenk ist mit dem Genick muskulär verschaltet, was wiederum mit dem lumbosacralen Gelenk verbunden ist, dem Übergang der Lende zum Kreuzbein. „Damit das Pferd auf der Hinterhand Last aufnehmen kann, muss sich das Lumbosacralgelenk öffnen, was dazu führt, dass sich das Genick lösen kann. Der Kopf des Pferdes geht entspannt in die Senkrechte, das Kiefergelenk löst sich und das Pferd beginnt zu kauen“, beschreibt Fritz den Idealfall. „In dem Moment, in dem das Kiefergelenk allerdings durch einen zu festen Nasenriemen blockiert wird, ist all das nicht mehr möglich, denn Kiefergelenk, Genick und Lumbosacralgelenk verspannen. Ein solches Pferd kann rein biomechanisch nicht mehr untertreten, es fällt auf die Vorhand.“ Um den Kopf dennoch in die Senkrechte zu bekommen, wirken viele Reiter zu hart mit der Hand ein; infolgedessen verkriechen sich die Pferde hinterm Zügel oder stützen sich auf der Hand ab. Die Oberlinie verspannt, um irgendwie die Balance halten zu können, das Pferd wird zum Schenkelgänger. „Wird das Pferd mit zu engem Nasenriemen geritten, verspannt der große Kaumuskel, die Schädelknochen blockieren und das Nasenbein wird gegen das Oberkieferbein gepresst. Das kann dazu führen, dass das Sekret im Nasenbereich nicht mehr richtig abfließen kann. Wenn man das Nasenbein craniosacral löst, fließt häufig Sekret ab, das sich offenbar im Bereich des Siebbeins oder der Nasennebenhöhlen gestaut hat. Die Pferde reagieren meist mit erleichtertem Seufzen.“ Hinzu kommt, dass die muskulären Verspannungen, angefangen vom Kaumuskel bis hin zur Kruppenmuskulatur, dafür sorgen, dass die Sauerstoffversorgung der Muskeln nicht mehr richtig funktioniert und kein Muskelaufbau erfolgen kann, ganz im Gegenteil: Sie bauen eher ab, wenn sie ständig verspannt sind.

„Wird der Nasenriemen zu eng geschnürt, verspannt der große Kaumuskel, die Schädelknochen blockieren und das Nasenbein wird gegen das Oberkieferbein gepresst.“ (Dr. Christina Fritz)

Beatrix Schulte Wien, Leiterin des Dülmener Osteopathiezentrums, erklärt, welche Muskeln betroffen sind, wenn die Zäumung zu eng verschnürt wird: „Der Brustbein- Unterkiefermuskel verspannt, es kommt Zug aufs Brustbein, das wiederum mit den Rippen und damit auch mit der Brustwirbelsäule verbunden ist. Kommt es hier zu Verspannungen, kann sich die Brustwirbelsäule nicht mehr aufwölben und das Pferd wird ins Hohlkreuz gezogen.“ Infolgedessen wird die Lendenwirbelsäule nach unten gedrückt. „Diese Ursache-Folge-Kette sorgt dafür, dass die Rückenmuskulatur verspannt und es dem Pferd unmöglich gemacht wird, über den Rücken zu gehen“, erklärt die Osteopathin. Auch Nervenbahnen können von eng verschnürten Nasenriemen gestört werden. So kann es zu Läsionen des fünften Hirnnervs, des Nervus trigeminus kommen, der sich über Ober- und Unterkiefer verästelt. Er ist für die sensorischen Wahrnehmungen im Bereich des Gesichts verantwortlich und versorgt unter anderem die Haut des Kopfes, die Nase, die Zähne und die Kieferäste mit Fühlsensoren. „Man kann davon ausgehen, dass eine Beeinträchtigung des Nervus trigeminus Kopfschmerzen verursacht, die sich nicht unerheblich auf das Wohlbefinden des Pferdes auswirken“, erklärt Schulte Wien. Auch kann eine Schädigung des Hirnnervs das Headshaking-Syndrom auslösen.

Verspannt die Kaumuskulatur, wird automatisch auch der Unterkiefernerv Nervus mandibularis in Mitleidenschaft gezogen, der auch die Zunge, den Mundboden sowie die Haut über dem Unterkiefer versorgt. Schulte Wien erläutert: „Pferde haben einen seitlichen Ausschlag beim Kauen. Der Unterkiefer und seine Zähne sind schmaler als die des Oberkiefers. Wenn das Pferd den Kauausschlag nicht ganz ausführen kann, weil die  Zäumung zu eng anliegt, wird die Funktion des Unterkiefernervs gestört, die Kaumuskulatur verspannt und die Zähne werden falsch abgenutzt.“ Die Verspannung, die beim Reiten durch den verzweifelten Versuch, gegen den Widerstand anzukauen, entsteht, bestehe häufig auch ohne Zäumung noch. „Dazu muss man wissen, dass das Pferd am Tag bis zu 40 Liter Speichel produziert. Es frisst sein Heu mit 80 Kauschlägen pro Minute. Ist die Kautätigkeit eingeschränkt, wird weniger Speichel produziert, was sich unweigerlich auf die Verdauung auswirkt. Magengeschwüre können die Folge sein.“

Probleme mit der Verdauung

Es kann im schlimmsten Fall auch zu Blockaden, Entzündungen bis hin zu langfristigen Schäden im Kiefergelenk kommen, da das Pferd zum Kauen angeregt wird, aber dem nicht nachkommen kann. Hinzu kommen Erkrankungen, die durch Gebisseinwirkungen entstehen können. Dazu gehören Verletzungen und Entzündungen der Lade und der Maulschleimhaut. Die Entzündungen können so schmerzhaft sein, dass es zur gestörten Futteraufnahme kommt und sie sich so ebenfalls auf den Verdauungstrakt auswirken. Auch aus naturheilkundlicher Sicht haben eng anliegende Nasenriemen große Auswirkungen. Tierheilpraktikerin Sandra Reinheckel aus dem niedersächsischen Worpswede erklärt: „Die Traditionelle Chinesische Medizin geht davon aus, dass der gesamte Körper mit Energieleitbahnen – sogenannten Meridianen – überzogen ist. Durch diese Leitbahnen fließt die Lebensenergie, das Qi, und versorgt den Organismus. Verletzungen und Narben im Bereich der Meridiane blockieren den Energiefluss. Die Folgen reichen von Unwohlsein bis zu schweren gesundheitlichen Schäden.“ Zu eng und falsch verschnallte Reithalfter können verschiedene Meridiane beeinträchtigen.

„Sind die Energieleitbahnen gestört, kann es zu schweren gesundheitlichen Schäden kommen.“ (Sandra Reinheckel)

Dazu gehört das Lenkergefäß, das von der Steißbeinspitze bis zur Oberlippe verläuft. Ebenfalls betroffen sind der Dickdarmmeridian, der sich vom Vorderhuf bis zu den Nüstern zieht, und der Meridian des Magens, der vom vorderen Augenwinkel zu Lade und Unterkiefer bis zur Ganasche verläuft und von dort bis zum Hinterhuf. Letzter oft betroffener Meridian ist der des Dünndarms. Er entspringt am äußeren Kronrand des Vorderhufs, führt zum Kiefergelenk und endet am inneren Augenwinkel. Wie ihre Namen schon sagen, ist jeder dieser Meridiane einem Organ beziehungsweise einem Organsystem zugeordnet. Werden sie gestört, können verschiedene Erkrankungen die Folge sein – von Lahmheiten über Kopf- und Zahnschmerzen bis hin zu Erkrankungen des Verdauungstrakts.

Warnsignale erkennen

Die Vielzahl der körperlichen Probleme macht also schnell deutlich: Der Nasenriemen stellt eine kleine Ursache mit großer Wirkung dar. Dr. Christina Fritz rät daher zum Reiten mit korrekt geschnalltem Nasenriemen, wenn der Reiter nicht darauf verzichten möchte, oder besser noch zum Reiten ganz ohne Reithalfter. „Verfügt der Zaum über keinen Nasenriemen, ist es darüber hinaus ein sehr gutes Warnsignal, wenn das Pferd das Maul tatsächlich einmal aufsperrt oder die Zunge herausstreckt. Mit einem fest geschnürten Nasenriemen merkt der Reiter oftmals gar nicht, wenn die Handeinwirkung zu stark war.“

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