Sanfte Ausbildung für „Problempferde“

von Nicole Künzel

Foto: Antje Wolff

Foto: Antje Wolff

Ich ließ Beau erst einmal in seinem neuen Zuhause ankommen, denn gerade Pferde mit Traumata brauchen viel Zeit, um sich an ein neues Umfeld zu gewöhnen. Er sollte zunächst seine Umgebung erkunden und auch mich in Ruhe kennenlernen dürfen. In Bezug auf das Reiten nahm ich mir ebenfalls viel Zeit und begann mit ihm wie mit einem jungen, noch nicht eingerittenen Pferd zu arbeiten – also ganz von vorn. Zunächst legte ich meinen Oberkörper sanft von einer Aufstiegshilfe aus über seinen Rücken. Es dauerte eine ganze Weile, bis er sich traute, den Kopf-Hals-Bereich von mir abzuwenden und das Leckerli auf der anderen Seite zu nehmen. Mein Ziel war es nun, ihn von unten an so viele verschiedene Reize wie nur möglich zu gewöhnen und ihn dadurch auf das eigentliche Reiten später so gut vorzubereiten, dass dieses die kleinste Anforderung für ihn darstellen würde.

Wie weit darf ich gehen?

Der Umgang mit Pferden, die Probleme mit Menschen haben, ist wie eine Therapie, während der der Therapeut mit wohldosierten Dosen arbeitet, um seinen Patienten „zu heilen“. Er geht immer wieder an die Ängste heran, jedoch immer nur so weit, wie es der Patient noch auszuhalten vermag. Wichtig war für mich, Beau keine für ihn unzumutbaren Aufgaben aufzuerlegen. Bei allen weiteren Schritten, die noch folgten und bis heute folgen, bekommt er von mir sofort das Feedback „Das war super!“, und ich respektiere seine Grenzen: „Ich nehme deine Ängste wahr und zwinge dich nicht, sondern werde warte, bis du selbst bereit bist, sie zu überwinden.“ Die richtige Dosierung und das richtige Timing haben hier oberste Priorität, dazu kommen eine große Portion Mitgefühl und Liebe. Das eigene (Bauch-)Gefühl spielt ebenfalls eine zentrale Rolle sowie eine (Fach-)Person, die einem einmal mehr, einmal weniger zur Seite steht und einen bei Rückschritten oder wenn kein Land in Sicht zu sein scheint, motiviert weiterzugehen.

Lesen Sie mehr zum Thema im Artikel „Von Pferden mit Menschenproblemen“ in Natural Horse 01/2016

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