von Dr. Christina Fritz

Risiken und Nebenwirkungen der Selenfütterung
Foto: Christiane Slawik

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Selen – ein verbreitetes Spurenelement

Je nach Region findet man unterschiedliche Selen-Konzentrationen im Boden. Dazu kommt, dass verschiedene Pflanzen unterschiedlich stark Selen aus dem Boden aufnehmen. Es kommt also nicht nur auf die Bodenwerte an, sondern auch auf den Bewuchs, wenn man über die Selenversorgung spricht. Es gibt so genannte Selenanzeigerpflanzen, die bevorzugt in selenreichen Gebieten wachsen und Selen in ihrem Pflanzenkörper anreichern. Dazu gehören Astragalus membranaceus, die aus dem Nordosten Chinas und der Mongolei stammt, mittlerweile aber auch erfolgreich im angeblich selenarmen Bayern kultiviert wird. Aber auch Pflanzen aus der Gattung der Xylorhiza und der Oonopsis (Asterngewächse), die in Nordamerika beheimatet sind gehören dazu. Man hat beobachtet, dass Pferde diese Pflanzen beim Grase vermeiden und stattdessen das in denselben Regionen wachsende, trockene Steppengras bevorzugen.

 

Als Spurenelement wird Selen vom Körper in kleinen Mengen benötigt, um lebensnotwendige Stoffwechselvorgänge betreiben zu können. Foto: Christiane Slawik

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Als Spurenelement wird Selen vom Körper in kleinen Mengen benötigt, um lebensnotwendige Stoffwechselvorgänge betreiben zu können. Im Übermaß wirkt Selen jedoch sehr schnell giftig. Ein Übermaß ist laut Untersuchungen schon erreicht bei 2 mg Selen pro Kilogramm Futtertrockensubstanz. Auf 10 kg Tagesfutterration eines durchschnittlichen Pferdes gerechnet sprechen wir also hier über 20 mg Selen pro Pferd und Tag, die schon als kritisch anzusehen sind. Zum Vergleich: das Spurenelement Zink erreicht einen toxischen Bereich, wenn man etwa 1.000 mg pro Pferd und Tag gibt – hier ist das therapeutische Fenster also viel größer. Aber wie viel Selen sollte denn ein Pferd jetzt täglich bekommen? Die derzeitige gängige Futterempfehlung spricht von 0,1 – 0,2mg Selen / kg Futtertrockensubstanz, die ein Pferd bekommen sollte, also 1-2mg pro Pferd und Tag. Allerdings haben Analysen von über 300 Grasproben aus verschiedenen deutschen Bundesländern gezeigt, dass das Grundfutter im Bereich von 0,011 – 0,123mg Selen / kg Futtertrockensubstanz liegt. Mit diesem „selenarmen“ Grundfutter sind jahrhundertelang gesunde und leistungsfähige Pferde gezüchtet und gehalten worden.

Hatten die Pferde in den letzten Jahrhunderten alle unerkannten massiven Selenmangel? Oder reden wir heute einen Selenmangel beim Pferd herbei?

Fehleinschätzung des Bedarfs

Bei der ganzen Diskussion um Selen muss man beachten, dass verschiedene Tierarten an unterschiedliche Selenversorgung aus ihrem Futter angepasst sind. Alle Tiere nehmen Selen grundsätzlich über ihr Futter auf. Allerdings unterscheiden sich die Selengehalte unterschiedlicher natürlicher Futtermittel. Fleischfresser wie Hunde nehmen Selen überwiegend über das Muskelfleisch auf. In Muskeln ist Selen angereichert, da es hier zusammen mit Vitamin E als antioxidatives Schutzelement wirkt. Fleischfresser kommen also mit einer relativ hohen Versorgung von Selen zurecht. In Pflanzen liegt Selen nur in geringen Mengen vor, regional findet man auch Pflanzen, die überhaupt kein Selen enthalten. Man geht davon aus, dass Pflanzen in der Regel Selen nicht für ihren Stoffwechsel benötigen und es sozusagen „versehentlich“ aus dem Boden mit aufnehmen. Das hat dazu geführt, dass Pflanzenfresser sich im Lauf der Evolution auf eine geringe Selenversorgung angepasst haben. Dabei unterscheiden sich die Pflanzenfresser noch untereinander. Das Rind hat offenbar einen relativ hohen Selenbedarf und kann auch eine Überversorgung recht gut kompensieren, da ein Großteil des aufgenommenen Selens im Pansen reduziert und damit als elementares Selen mit dem Kot wieder ausgeschieden wird. Das Steppentier Pferd hingegen hat einen geringen Selenbedarf als das Rind und kommt mit einer Überversorgung schlecht zurecht, da es keinen Pansen und damit keine Reduktionsmöglichkeit hat.

Trotz des offenbar geringen Selenbedarfs und der geringen Selentoleranz beim Pferd werden heute so viele Pferde mit Selenmangel diagnostiziert. Dabei galt Selen bis in die 1950er Jahre hinein als giftig, da man in den 1930er Jahren die Alkali-Krankheit und die Blind-Ataxie der Rinder in den „Great Plains“ der USA mit Selenvergiftung aus dem Grundfutter in Zusammenhang brachte. Daher hat die systematische Untersuchung der Selenversorgung bei Pflanzenfressern erst in den 1980er Jahren begonnen. Hier wurden Untersuchungen zur Weißmuskelkrankheit bei Hochleistungsrindern durchgeführt. Dabei konnte man feststellen, dass diese Tiere häufig unter Selenmangel litten und eine deutliche Symptombesserung zeigten bei Selenzufütterung. Daraufhin wurden 1987 zum ersten Mal Selenwerte bei Pferden gemessen. In dieser Untersuchung an klinisch gesunden Pferden wurden Selenwerte im Blutplasma im Bereich von 80 – 120µg/l gefunden. Aufgrund der dramatischen Auswirkungen von Selenmangel bei Hochleistungsrindern wurde kurz darauf Selen als Standardwert im großen Blutbild des Pferdes aufgenommen und es wurden häufig Werte gemessen, die deutlich unter denen dieser ersten Untersuchung lagen. Da niedrigere Selenwerte bei Pferden unterschiedlichster Rassen und Altersstufen und auch in verschiedenen Regionen Deutschlands gemessen wurden, suchte man nach einer allgemein gültigen Ursache und kam auf die offensichtlich zu geringe Selenversorgung aus dem Grundfutter durch zu selenarme Böden.

Regionale Unterschiede

Nun liegt Selen aber in unterschiedlichen chemischen Formen vor. Im Boden kommt Selen hingegen selten organisch gebunden vor, sondern meist in Form von anorganischen Metallseleniden, also gebunden an Kupfer, Blei, Zink, Gold oder Eisen. In Pflanzen findet man Selen überwiegend anstelle des Schwefels eingebaut in die Aminosäuren Methionin oder Cystein, also organisch gebunden. Das Futtermittelgesetz erlaubt den Zusatz im Futtermittel von Natriumselenit oder Natriumselenat. Es ist aber auch der Zusatz von so genannten Selenhefen erlaubt. Das sind spezielle Hefekulturen, die auf einem mit Natriumselenit angereicherten Nährmedium wachsen. Dabei wandeln sie das Selen in Selenmethionin um. Der Unterschied zwischen dem anorganischen Natriumselenit oder –selenat und den organischen Formen als Selenmethionin oder –cystein liegt in der Bioverfügbarkeit. Die anorganischen Varianten sind vom Pferd schlechter zu verwerten und werden zu einem größeren Teil wieder ausgeschieden. Umgekehrt stehen die organischen Formen im Verdacht, dass zwar besser bioverfügbar sind, aber dafür vom Pferd nicht mehr effektiv ausgeschieden werden können, sich also im Körper anreichern und damit zu einer chronischen Vergiftung beitragen können. Je nachdem, was ein Pferd also frisst, können sich ganz unterschiedliche Selenversorgungszustände ergeben – und diese sind dann auch noch unterschiedlich zum Rind, das mit demselben Grundfutter ernährt wird. Aus dem Grund kann ein Bodenwert von Selen überhaupt keine Aussage treffen darüber, wie der gut oder schlecht Versorgungszustand eines Tieres mit Selen ist.

Als Maß für die Selenversorgung über das Grundfutter kann man Selenwerte der Kuhmilch heranziehen. Man hat festgestellt, dass Kühe überschüssiges Selen über die Milch entsorgen können. Liegt also eine ausreichende bis übermäßige Versorgung vor, so kann man Selen in der Milch nachweisen, bei Selenmangel findet man entsprechend auch kein Selen in der Milch. Hier zeigt sich plötzlich ein ganz anderes Bild des „Selenmangelgebiets Deutschland“:

Finnland 6µg Selen / Liter Kuhmilch
Deutschland 10 – 20µg Selen / Liter Kuhmilch
Nordosten Polens (nahe Trakehnen) 5,5µg Selen / Liter Kuhmilch

(Daten von: Dr. Stefan Brosig, 2005)

Aber in Selenmangelgebieten wie Finnland, Neuseeland oder eben Teilen von Polen ist Selenmangel beim Pferd überhaupt kein Thema. Nach diesen Daten hätten alle Trakehner unter massivem Selenmangel gelitten und nie die körperliche Leistung erbringen können, die von ihnen gefordert wurde. Wenn man also Selenmangel im Boden und damit im Grundfutter ausschließen kann, muss es einen anderen Grund für den Selenmangel geben.

Betrachtet man die unterschiedlichen Blutplasma-Werte für Selen, die in verschiedenen Studien am Pferd gemacht wurden, so zeigt sich ein sehr uneinheitliches Bild:

Autor Grenzwerte
Ullrey (1987)   80 – 120µg/l
Meyer (1990)   60 – 120µg/l
Meyer (1990)   40 –   80µg/l
Heikens (1992)   53 – 140µg/l
Puls (1994)    53 – 250µg/l
Meyer & Coenen (2002) 100 – 250µg/l
Meyer & Coenen (2002)   70 –     90µg/l
Dietz & Huskamp (2006)   28 –  133µg/l

 

Diese große Bandbreite an Werten hat sich bis vor circa drei Jahren auch noch in den Grenzwerten der verschiedenen Labore gespiegelt:

Labor:            Vet.-Med.-Lab Biocontrol Tierlab Laboklin US-Werte
Selen: 80-150 µg/l 28-133 µg/l 140-250 µg/l 50-150 µg/l 60-300 µg/l

(Daten von: Dr. Stefan Brosig, 2005)

Das hat dazu geführt, dass ein Pferd, das im einen Labor im Normalbereich war, im nächsten wahlweise im Mangel oder im Überschuss sein konnte. In den vergangenen drei Jahren hat sich daher eine Anpassung ergeben und die meisten deutschen Labore verwenden jetzt den Grenzwert 100 – 200µg/l.

Vergleicht man diesen Grenzwert jedoch mit den in den verschiedenen Studien gemessenen Werten, so stellt man fest, dass nur eine einzige Studie einen unteren Grenzwert von 100µg/l angibt (Meyer & Coenen 2002). Alle anderen Studien geben zum Teil erheblich niedrigere Werte an, bis zu 28µg/l. Demnach kann man davon ausgehen, dass die meisten Pferde nur einen „Selenmangel“ aufweisen, weil ein zu hoher unterer Grenzwert angenommen wird. Analysiert man entsprechend Blutbilder auf den gemessenen Selenwert, so sind Werte zwischen 50 und 60µg/l eher die Regel als die Ausnahme bei klinisch gesunden Pferden. Zeigen die Pferde noch niedrigere Selenwerte im Blutbild, so ist meist auch ein deutlich reduzierter Zink-Spiegel zu beobachten. Füttert man diesen Pferden Zink zu, zum Beispiel in Form eines Zinkchelats, so kann man häufig ein Ansteigen des Selenwertes beobachten – ohne dass Selen explizit zugefüttert wurde. Das Selen folgt also im Stoffwechsel des Pferdes offenbar dem Zink. Es ist anzunehmen, dass Pferde häufiger einen Zinkmangel haben, der sich jedoch eher in niedrigen Selenwerten im Blutbild zeigt als im Zink. Dasselbe gilt für Mangan – auch hier kann die Zufütterung zu einem Anstieg des Selenspiegels im Blutplasma führen, ohne dass Selen gegeben wird. Selen folgt offenbar auch dem Mangan, nur dass Mangan nicht standardmäßig bestimmt wird im Blutbild und durch jahrelange Mangandüngung unserer Böden nur selten Manganmangel beim Pferd nachgewiesen werden kann.

Von Mangel bis Überschuss

Foto: Christiane Slawik

Foto: Christiane Slawik

Erschwerend bei der Interpretation der Blutwerte kommt jetzt noch hinzu, dass es offenbar keine Korrelation zwischen den Blutplasma Werten für Selen und denen im Gewebe gibt. Laut neuesten Untersuchungen, in denen Blutwerte mit den Selengehalten verschiedener Gewebeproben beim selben Pferd untersucht wurden, kann im Blutbild ein Mangel vorliegen, während gleichzeitig in den verschiedenen untersuchten Geweben Normalwerte oder sogar teilweise Selenüberschuss nachgewiesen wurde. Auch Untersuchungen an anderen Tierarten zeigen ähnliche Ergebnisse. In Fachkreisen ist also längst bekannt, dass der Selenwert im Blutplasma nicht herangezogen werden kann für den Versorgungszustand des Pferdes. Denn wird Selen benötigt, so sinkt zunächst der Blutselenspiegel, da die Gewebe das Selen dem Blut entziehen. Füttert man dann Selen zu, so werden zunächst alle Gewebe im Selen aufgefüllt und erst als letztes steigt der Plasma-Wert. Damit ist also der Selenwert im Blutbild überhaupt nicht zur Diagnostik eines Selenmangels oder Selenüberangebots geeignet. Man müsste hier Biopsien verschiedener Gewebe nehmen, um tatsächlich einen Mangel oder Überschuss nachweisen zu können – was in der Praxis nicht nur unmöglich ist, sondern auch einen erheblichen Eingriff für das Tier bedeutet.

Die Tatsache, dass die Werte im Gewebe für den Körper wichtiger sind als der Pegel im Blutplasma beruht auf der Tatsache, dass Selen vor allem im Gewebe aktiv ist. Im Blutplasma wird Selen gebunden transportiert und dann vor allem vom Lebergewebe, den Nieren, der Bauchspeicheldrüse und den verschiedenen Hormondrüsen aufgenommen. Selen ist dort dann, essentiell für die Aktivierung der Glutathion-Peroxidase (GSH-Px). Diese ist in der Lage, im Stoffwechsel der Zelle entstehende Peroxide zu neutralisieren und dadurch aktiven Zellschutz zu betreiben. Neuere Untersuchungen legen außerdem eine Beteiligung der GSH-Px bei der Immunabwehr von Virusinfekten nahe. Auch im Zusammenhang mit der Immunreaktion gegen Tumore ist die GSH-Px beschrieben worden. Es handelt sich also um ein überlebenswichtiges Enzym, das für seine Aktivierung Selen essentiell benötigt. Darüber hinaus spielt Selen eine Rolle im Hormonsystem durch die Aktivierung des Enzyms Iodthyronin-Dejodase. Dieses Enzym benötigt der Körper, um das Schilddrüsen-Hormon T4 zu aktivieren, erst dann kann es im Zielgewebe seine Wirkung entfalten. In der Proteinbiosynthese ist ebenfalls Selen beteiligt. Werden neue Proteine gebildet, so müssen diese korrekt gefaltet werden, damit sie nachher biologisch aktiv werden können. Diese Faltung wird von bestimmten Proteinen und Enzymen begleitet, damit sie geordnet abläuft. Kommt es zu einer fehlerhaften Faltung, muss das Protein abgebaut und neu synthetisiert werden, die Zelle ist also bemüht, dass die Faltung korrekt abläuft. An diesem Vorgang ist unter anderem die Thioredoxin-Reduktase beteiligt, die daneben noch verschiedene andere, reduzierende Stoffwechselreaktionen reguliert. Auch die Thioredoxin-Reduktase benötigt Selen, um aktiv zu werden.

Darüber hinaus ist eine Beteiligung von Selen an verschiedenen Stoffwechselreaktionen beschrieben worden und es ist ein essentieller Cofaktor für die Aktivierung unterschiedlicher Proteine im Blutplasma, in Herz- und Skelettmuskeln und im Nierenparenchym. Die muskelschützende Wirkung von Selen in Kombination mit Vitamin E ist bei Sportpferden lange bekannt und auch, dass diese einen tendenziell höheren Selen- und Vitamin E-Bedarf haben, um eine leistungsfähige und gesunde Muskulatur aufzubauen und zu erhalten. Die genauen Vorgänge sind allerdings bisher noch nicht analysiert worden. Es gibt darüber hinaus verschiedene so genannte Selenoproteine, in die Selen direkt mit eingebaut wird, in der Regel als Selenocystein. Diese Selenoproteine kommen in Tieren und dort vor allem in der Muskulatur vor, allerdings nicht in Pflanzen. Ihre Bedeutung ist bisher nicht genau bekannt. Beschrieben ist auch die Fähigkeit von Selen, sich mit toxischen Schwermetallen wie Quecksilber oder Blei zu verbinden und diese so „unschädlich“ im Gewebe abzulagern. Auch hier ist der Mechanismus noch nicht genau bekannt.

Erkrankungen, die aufgrund von Selenmangel bei Pflanzenfressern entstehen, sind bisher nur für Wiederkäuer klar beschrieben. Dazu gehört die schon erwähnte Weißmuskelkrankheit (nutritive Muskeldegeneration, nutritive Muskeldystrophie, nutritive Rhabdomyopathie) bei Jungtieren von Rind, Schaf, Ziege, Dromedar oder Lama und die Überlastungsmyopathie (paralytische Myoglobinurie, exerzitionale Rhabdomyelose) bei ausgewachsenen Rindern.

Beim Fohlen sind Fälle von Selenmangel beschrieben worden, die sich in schwacher, blasser Muskulatur und gelben Fetteinlagerungen ausgeprägt haben. Das kann vorkommen, wenn die Mutterstute eine niedrige Selenversorgung hat und das Fohlen während der Trächtigkeit nicht ausreichend Selen aufnehmen kann. Die Stuten fallen in der Regel nur dadurch auf, dass sie nach der Trächtigkeit schlecht wieder aufnehmen. Bei Rennpferden wird schlechte Rennleistung oft in Zusammenhang gebracht mit niedrigen Selenwerten. Auch das Auftreten von Kreuzverschlag wird als Symptom im Zusammenhang mit Selenmangel diskutiert. Allerdings wurden bei Pferden bisher nie so extreme Mangelzustände nachgewiesen, dass die Muskulatur erheblichen Schaden davon nehmen würde. Alle beschriebenen Symptome können auch eine Reihe anderer Ursachen haben. Viel häufiger und klarer als Mangelsymptome werden die Vergiftungssymptome – sowohl bei akuter als auch bei chronischer Selenvergiftung – beschrieben, was schon darauf hinweist, dass echter Selenmangel beim Pferd offenbar eher selten ist.

Zu den akuten Vergiftungssymptomen (orale Aufnahme von Natriumselenit, 3,3mg / kg Körpergewicht) gehören:

  • Kollaps und Tod durch Herzinsuffizienz

Zu den chronischen Vergiftungssymptomen (orale Aufnahme von Natriumselenit oder -selenat, 2-3mg / kg Futtertrockenmasse) gehören:

  • Schlechter Allgemeinzustand, Gewichtsverlust
  • Kolik, Durchfall
  • Struppiges Fell, Ausfallen von Mähne und Schweif, Pigmentverlust im Langhaar
  • Veränderungen des Hufhorns, Hufringe, hohle Wände, Auftreibungen des Kronrands bis zum Ausschuhen
  • Ataxien des Bewegungsapparats, vor allem beim Fohlen
  • Sehstörungen bis zur Erblindung („Blind Stagger“)
Foto: Christiane Slawik

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Viel häufiger als eine akute oder chronische Selenvergiftung sind aber Stoffwechselstörungen, die aufgrund einer schleichend zu hohen Gabe entstehen können. Die tägliche Dosis ist dabei oft durchaus im physiologischen Bereich. Aber durch die Anreicherung in einigen Geweben kommt es hier zu einer Überdosierung, während in anderen Teilen des Körpers noch Normalwerte oder – vor allem im Blutplasma – sogar Mangelzustände herrschen können. Eine Zeitlang versucht der Körper auch noch, durch vermehrte Ausscheidung von Selen über Urin und Kot dem Überschuss zu begegnen, diese Entsorgung ist beim Pferd nur in kleinem Maß möglich. Bei ständiger Zufütterung ist die Aufnahme schnell größer als die Ausscheidungsfähigkeit und das Gewebe nimmt Schaden. Die Proteine dieser gesättigten Gewebe verändern sich schleichend, weil vermehrt Selenoproteine gebildet werden, um das Selen in unschädlicher Form zu speichern.

Wie oben aufgeführt, greift Selen an verschiedensten Stellen in den Stoffwechsel ein und der Grad zwischen Wirkung und Überdosierung ist hier sehr schmal. Problematisch ist dabei in der Regel weder die Selenaufnahme aus dem Grundfutter in unseren Breitengraden, noch aus normal dosierten Mineralfuttern, sofern diese nicht durchgehend, sondern kurweise gegeben werden. Während der Mineralgabe speichert das Pferd das enthaltene Selen in den Geweben mit Selenbedarf und baut dieses dann in Zeiten geringerer Versorgung wieder ab. Gefährlich wird es bei ständiger Gabe und wenn zusätzlich verschiedene Zusatzfuttermittel gegeben werden. Nicht nur Selenpräparate addieren sich zum Grundfutter und Mineralfutter hinzu, sondern viele Ergänzungsfuttermittel, die nicht als Selenpräparate ausgewiesen sind, enthalten auch Selen, wenn man sich die Liste der Zusatzstoffe anschaut. Hier ist also Vorsicht angesagt.

Zu den Erkrankungen und Symptomen, die mit einer schleichend zu hohen Selendosierung einhergehen können gehören verschiedene so genannte „Zivilisationskrankheiten“ beim Pferd.

EOTRH und Selenüberschuss

In einer neuen Studie wurde ein Zusammenhang nachgewiesen zwischen EOTRH (Equine Odontoclastic Tooth Resorption and Hypercementosis) und Selenüberschuss im Zahnfleisch. EOTRH ist eine Erkrankung der Schneidezähne, die mit Entzündungen, Abszessbildung und Hyperzementosen (Zementwucherungen) der Zahnwurzel einhergeht. Die Pferde haben große Schmerzen beim Kauen, und die derzeitige Behandlungsmethode besteht darin, die betroffenen Schneidezähne komplett zu ziehen. Auffällig ist das Auftreten von EOTRH Fällen insbesondere in Deutschland, Österreich und Schweiz sowie in einigen Teilen Englands und zwar jeweils vor allem in den Ballungszentren. In ländlichen Gebieten kommt sie seltener vor und in einigen Ländern ist sie praktisch unbekannt. Die in der aktuellen Studie untersuchten Pferde hatten alle deutlich erhöhte Selenwerte im Zahnfleisch und das teilweise bei gleichzeitigem Selenmangel im Blutbild. In der Anamnese konnte immer eine erhöhte Selenzufuhr im Zeitraum vor dem Auftreten der EOTRH festgestellt werden. Aufgrund der Studienergebnisse wurden in einer aktuellen Untersuchung betroffene Pferde von der Fütterung her umgestellt auf reine Raufuttergabe ohne selenhaltige Allein- oder Ergänzungsfuttermittel in Kombination mit einer deutlichen Kürzung der Schneidezähne, um die Druckverhältnisse zu verbessern. Die ersten so erfolgreich therapierten Pferde, die EOTRH-frei sind und immer noch alle Schneidezähne haben, deuten darauf hin, dass die EOTRH einen Zusammenhang mit der Fütterung von Selen hat. Diese Krankheit kann also nicht nur effektiv therapiert, sondern auch von vornherein vermieden werden könnte, wenn man entsprechend auf den Selengehalt in der Fütterung achtet.

Insulinresistenz – Diabetes Typ 2

Hufrehe kann die Folge von Selenzufütterung sein. Foto: Christiane Slawik

Foto: Christiane Slawik

Beim Menschen wurden in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Untersuchungen gemacht, die einen klaren Zusammenhang zeigen zwischen der Aufnahme von Selen als Nahrungsergänzungsmittel, also über das physiologische Maß der Ernährung hinaus, und dem Auftreten von Diabetes Typ 2 (Insulinresistenz). In der alten veterinärmedizinischen Literatur wird immer wieder beschrieben, dass es Diabetes beim Pferd nicht gibt. Vor etwa 20 Jahren traten die ersten, vereinzelten Fälle von Insulinresistenz auf. Seit etwa zehn Jahren gehört Insulinresistenz, häufig im Zusammenhang mit Equinem Metabolischen Syndrom (EMS), zu einer der Standarddiagnosen. Hierbei muss man unterscheiden zwischen verschiedenen Krankheitsverläufen. Es gibt durchaus die Pferde, die eine Insulinresistenz aufgrund von übermäßiger Fütterung von leicht verfügbaren Kohlenhydraten, zum Beispiel durch thermisch aufgeschlossene („geflockte“) Getreide, Karotten, Äpfel und andere stark zuckerhaltige Futtermittel. Diese Pferde neigen oft zu erheblicher Fettleibigkeit und können die starken Blutzuckerschwankungen, die durch die Fütterung ausgelöst werden, kaum noch kompensieren. Sehr häufig findet man mittlerweile jedoch auch Pferde, die normalgewichtig sind oder eher zu Ödembildung am Rumpf neigen, die nicht mit Fettansatz zu verwechseln sind. Dennoch zeigen sie eine deutliche Insulinresistenz, die oft erst mit der ersten Hufrehe oder ähnlich dramatischen Erkrankungen erkannt wird. In der Anamnese findet man auch hier in der Regel die großzügige Zufütterung von Selen, entweder über verschiedene Ergänzungsfuttermittel oder durch gezielte Fütterung von Selenpräparaten, oft genug nach Diagnose von Selenmangel im Blutbild. Diese Pferde weisen häufig immer noch einen Selenmangel im Blutbild auf, während das Selen im Gewebe eingelagert wurde und dort in den toxischen Bereich gekommen ist. Denn in den Zellen, vor allem in Muskel- und Leberzellen, greift Selen in den Signalweg zwischen dem Insulinrezeptor und der Aufnahme von Glucose aus dem Blut ein. Bei einer pathologischen Anreicherung von Selen im Leber- und Muskelgewebe wird dieses Signal gestört, sodass die Zellen nicht mehr ausreichend Zucker aus dem Blut aufnehmen – mit dem Ergebnis einer Insulinresistenz und allen daraus resultierenden Folgekrankheiten.

Betrachtet man die Funktion von Selen im Zusammenhang mit der Schilddrüse, so fallen auch hier schnell die möglichen Folgeprobleme einer Überdosierung auf. Die Schilddrüsenhormone werden in gebundener Form zu ihren Zielorten transportiert und erst dort aktiviert. Selen wird benötigt, um die Iodthyronin-Dejodase zu aktivieren, die wiederum das gebundene Schilddrüsenhormon freisetzt. Liegt im Gewebe jetzt zu viel Selen vor, kommt es zu einer übermäßigen Aktivierung von Schilddrüsenhormonen. Für den Körper wirkt das jetzt wie eine Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose), es entsteht also eine Pseudo-Hyperthyreose. Das kann zwei verschiedene Reaktionen zur Folge haben.

Im einen Szenario löst diese Pseudo-Hyperthyreose eine Gegenregulation über die Hyphophyse aus, um vermehrt Energie zur Verfügung zu stellen, denn Hyperthyreose geht mit einem stark erhöhten Energieverbrauch einher. Die Hypophyse gibt jetzt vermehrt ACTH (Adenocorticotropes Hormon) ab, das in der Nebenniere des Pferdes zu einer erhöhten Ausschüttung von Glucocorticoiden führt. Die Glucocorticoide sind ein „Notfallprogramm“ des Organismus’, um nicht nur Entzündungen und Immunreaktionen zu unterdrücken, sondern vor allem auch verstärkt Energie aus Proteinen zu gewinnen, vor allem Proteinen der Muskeln und Haut. Die möglichen Folgesymptome sind:

  • Abmagerung
  • Fortschreitender Muskelabbau
  • Brüchige Sehnen
  • Hirsutismus(„Plüschfell“)
  • Schlechtes Hufhorn
  • Infektanfälligkeit

 Cushing

Foto: Christiane Slawik

Alle diese Symptome, zusammen mit dem hohen ACTH Spiegel, bringt man am ehesten mit einem Pferd in Verbindung, das Equines Cushing Syndrom („Cushing“) zeigt. Noch in den 1980 Jahren wurde Cushing in der veterinärmedizinischen Literatur als sehr seltene Erkrankung bei sehr alten Pferden beschrieben. Mittlerweile geht man davon aus, dass zwei von zehn Pferden über 20 Jahren Cushing Symptome zeigen. Eine so drastische Zunahme von Hypophysenadenomen innerhalb von 20-30 Jahren ist unwahrscheinlich. Es ist aber genau der Zeitraum, in dem die Diagnose „Selenmangel“ und in Folge die Zufütterung von Selenpräparaten stark zugenommen hat.

Im zweiten Szenario der Pseudo-Hyperthyreose kommt es ebenfalls zu einer Gegenregulation durch die Hypophyse, nur dass in dem Fall die Ausschüttung des Thyroid-stimulierenden Hormons (TSH) gedrosselt wird. Damit wird die Produktion der Schilddrüsenhormone gehemmt, um der Hyperthyreose entgegen zu wirken. An sich ist dieser Mechanismus sinnvoll und würde bei einer echten, kurzzeitigen Hyperthyreose das System wieder in die Balance bringen. Im Fall von übermäßiger Selenfütterung handelt es sich jedoch nicht um eine echte Hyperthyreose, sondern nur um eine scheinbare. Die Menge an produziertem Schilddrüsenhormon ist normal, nur wird im Gewebe übermäßig viel freigesetzt. Wird jetzt die Schilddrüsentätigkeit über TSH gegenreguliert, wird insgesamt zu wenig Schilddrüsenhormon gebildet und in den Geweben, die nicht unter Selenüberschuss leiden, entsteht eine echte Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose). Diese geht einher mit folgenden Symptomen:

  • Vermehrte Fetteinlagerung
  • Ödembildung im Bindegewebe
  • Neigung zu Hufrehe
  • Verminderte Herzleistung
  • Leistungsmangel

Diese Symptome würde man bei einem Pferd als Equines Metabolisches Syndrom (EMS) interpretieren. Diese Erkrankung wurde das erste Mal vor etwa 20 Jahren beschrieben und tritt seit circa zehn Jahren gehäuft auf, also ähnlich wie die Zunahme der Cushing Fälle auch zeitgleich mit der erhöhten Selenzufütterung. Auch wenn solche zeitlichen Korrelationen kritisch zu betrachten sind (schließlich kann man den Rückgang der Storchenpopulation in Deutschland auch mit dem Rückgang der Geburtenrate korrelieren), ist es doch auffällig, dass sowohl Insulinresistenz als auch EMS in früherer veterinärmedizinischer Literatur nicht erwähnt werden und Cushing nur selten auftrat. Darüber hinaus sind es vor allem Erkrankungen, die überwiegend in Deutschland, Österreich und der Schweiz, sowie vereinzelt in England auftauchen. All dies sind Länder, in denen Selenmangel beim Pferd stark thematisiert wird und die Zufütterung von Selen über das physiologische Maß hinaus nicht nur über Mineralfutter, sondern oft auch über Selenpräparate stattfindet.

Man sollte also die Diagnose „Selenmangel“ anhand des Blutbilds bei seinem Pferd deutlich mit Vorsicht betrachten. Werte um 50µg/l scheinen völlig im Normalbereich zu liegen, teilweise sogar darunter bis zu 28µg/l. Bei letzteren ist eher der Zink- oder Manganwert zu beachten als der Selenwert. Da der Blutplasmawert von Selen ohnehin kaum eine Aussagefähigkeit über den Versorgungsstatus mit Selen erlaubt, ist die Zufütterung von Selenpräparaten deutlich gegen die Risiken abzuwägen.

Pferde nehmen normalerweise ihr Selen über das Grundfutter sowie über kurweise angebotenes Mineralfutter auf. Hier sollte die Versorgung mit Selen ausreichend gegeben sein. Darüber hinaus muss die Behandlung von aufgetretenen Symptomen – sei es ein Kreuzverschlag oder auch Symptome wie Cushing (ECS), Equines Metabolisches Syndrom (EMS), EOTRH oder Insulinresistenz immer ganzheitlich erfolgen. Mit der wichtigste Punkt hier sollte immer die Optimierung der Fütterung sein und die vorsichtige Einstellung des Stoffwechsels wieder hin zu Normalwerten.