Interview mit Arien Aguilar

von Martina Kiss

Wenn wir Fotos von Pferden in den 30er-, 40er- und 50er-Jahren betrachten, sehen wir Pferde, die ein durchaus härteres Leben hatten als ihre Nachkommen heutzutage. Die meisten von ihnen mussten als Militär-, Zug- und Lastenpferde arbeiten und bekamen nicht einmal viel Kraftfutter. Trotzdem scheint es, dass die heutigen Pferde unglücklicher und teilweise kränker sind als die damaligen Tiere. Man spricht von Unter- oder Überforderung unserer Pferde.

Natural Horse hat Arien Aguilar zu dem Thema Unter- oder Überforderung interviewt. Seiner Meinung nach sind unsere Pferde unterfordert, weil man ihnen die Grundaufgabe genommen hat, ums Überleben zu kämpfen.

NH: Natural Horse, AA: Arien Aguilar

NH: Arien, du sagst, unsere Pferde sind heutzutage unterfordert. Was genau meinst du damit?
AA: Wir fangen mit der Grundfrage an: Warum trainieren wir überhaupt Pferde? Immer mehr Leute wollen ihre Pferde trainieren lassen. Sie kommen zum Trainer und sagen: „Mein Pferd muss keine Piaffe oder Passage können. Ich möchte, dass mein Pferd glücklich ist. Wenn es draußen grast, sieht es glücklich aus. Warum soll ich ihm überhaupt etwas beibringen?“ Freddie Knies Antwort darauf war: Wir haben den Pferden die Arbeit geklaut. Ihre Arbeit ist zu überleben, das müssen sie bei uns nicht. Wir haben vergessen, wie schädlich es ist, nicht nur für Pferde, sondern auch für Menschen, nichts zu tun zu haben und keinen Grund zu haben, etwas zu tun. In einem Experiment hat jemand ein perfektes Rattenparadies gebaut, in dem die Ratten alles hatten, was sie brauchten – genug zu essen, genug zu trinken und genug Platz. Dieser Platz war so gebaut, dass fast 5000 bis 6000 Ratten komfortabel dort leben konnten. Aber das Experiment ist schon bei 600 Ratten gescheitert, und nach zwei Jahren waren alle Ratten tot. Das Interessante daran ist, viele kennen dieses Experiment, aber keiner weiß, was derjenige anschließend gemacht hat, wie er das Problem gelöst hat. Er hat in einem weiteren Experiment die Ratten beschäftigt, mit Dingen, die ihre Kreativität gefördert haben. Nicht unbedingt Bespaßung, aber er hat ihnen einfach etwas zu tun gegeben. Das vergessen wir auch bei den Pferden. Ein Pferd, das grast, ist nicht unbedingt glücklich, auch wenn es gern auf die Weide geht. Ich denke, wir alle brauchen etwas zu tun, eine Aufgabe. Es muss jetzt nicht etwas sein, das uns Spaß macht, sondern etwas, das wir tun können. Aber es ist bewiesen: Je mehr Spaß man hat, desto besser lernt man, desto weiter kommt man voran. So oder so ist es nötig, den Pferden etwas zu bieten. …

Lesen Sie mehr zum Thema im Artikel „Über- oder Unterfordern wir unsere Pferde?“ in Natural Horse Ausgabe 04/2020

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