Wintertraining mit dem Pferd: Tragkraft und Biegung auf gefrorenem Boden
von Hans Jürgen Neuhauser

Wenn die Temperaturen fallen und der Boden hart gefriert, wird es für viele Pferdebesitzer zur Herausforderung, den mühsam aufgebauten Trainingszustand zu erhalten. Gerade ohne Reithalle stellt sich die Frage: Wie kann ich mein Pferd im Winter sinnvoll gymnastizieren, ohne seine Gesundheit zu gefährden?
Pferde schalten in der kalten Jahreszeit – wie wir Menschen auch – in einen Energiesparmodus. Stoffwechsel und Durchblutung laufen langsamer, nach längerer Boxenstehzeit ist die Gelenkflüssigkeit zäh und die Muskulatur oft verspannt. Deshalb braucht ein Pferd im Winter eine deutlich längere Aufwärmphase. Das Training darf nicht mit hohem Tempo, engen Wendungen oder schnellen Gangarten beginnen.
Besonders wichtig auf gefrorenem Boden: Das Pferd soll seine Schritte selbst koordinieren können. Freie Führübungen ohne Zug an Strick, Longe oder Kappzaum fördern Balance, Körperspannung und Vertrauen. Gelingt die Führung klar und konfliktfrei, kann das Pferd ruhig, konzentriert und in innerer Balance gehen – eine Grundlage für jedes weitere Wintertraining mit dem Pferd.
Zwischen „Bewegen“ und „Trainieren“ besteht ein großer Unterschied. Ein Pferd, das lediglich hinterherläuft, baut weder Tragkraft noch gesunde Muskulatur auf. Sinnvolles Wintertraining umfasst gymnastizierende Übungen, reale Biegungen und eine bewusste Dehnung. Hilfreich ist es, den Platz mit Pylonen oder Bechern zu strukturieren und das Pferd überwiegend im Schritt durch verschiedene Parcours frei zu führen. Ziel ist, dass es sich dem Menschen nicht nur willig anschließt, sondern sich für ihn auch freiwillig biegt – von der Nasenspitze bis zur Schweifrübe.
Der Mensch geht dabei auf einem eigenen Hufschlag etwa zwei Meter vor dem Pferd und beschreibt deutlich den Weg. Geht er direkt neben dem Pferdekopf, drängt er das Pferd leicht ab und verhindert eine echte Biegung. Nur eine klare, feine Körpersprache ermöglicht freiwillige Biegung, korrekte Dehnung und damit gesunde Bewegungsmuster. Gleichzeitig wächst das Vertrauen des Pferdes in seinen Menschen – eine ideale Basis, um Tragkraft aufzubauen.
Auch das freie Longieren (Arbeit auf dem Zirkel) eignet sich im Winter hervorragend, vorzugsweise im Schritt. Jeglicher Zug am Pferdekopf zwingt das Pferd in eine ungesunde Haltung: Es spannt den Unterhals an, fällt über die innere Schulter und belastet die Vorhand übermäßig. So trainiert es Kompensationsmuskulatur, der Rücken wird fest, der Brustkorb sinkt in die Rumpfträger – das Gegenteil von freier Selbsthaltung.
Zielführend sind Übungen, bei denen das Pferd wieder „seiner Nase nachläuft“. Die Wendung beginnt mit der Nase, dann folgen Hals, Vorhand, Mittelhand und Hinterhand. Nur so kann das innere Hinterbein unter den Schwerpunkt treten, Balance entsteht und der Bewegungsablauf wird geschmeidig und gesund. Mit wachsendem Körperbewusstsein wächst auch die Bewegungsfreude – im Training wie auf der Weide.
Auf gefrorenem, unebenem Boden sollten Trab und Galopp möglichst vermieden werden. Das Pferd soll aktiv, aber entspannt im taktmäßigen Schritt gehen, ohne zu eilen oder zu latschen. Besser als viele stumpfe Runden sind fließende Wechsel durch den Zirkel, leichte Tempounterschiede und wechselseitige Biegungen. Ist der Boden dagegen eben gefroren und mit einer ausreichend dämpfenden Schneeschicht bedeckt, können je nach Situation auch höhere Gangarten vorsichtig integriert werden.
In allen Übungen ist entscheidend, dass die Hinterhand nach vorne unter den Schwerpunkt fußt und nicht „hinten ausfällt“, also nach außen kreuzt. Dieses Ausweichen aktiviert wieder die falsche Muskulatur und verhindert echte Tragkraft. Gleichzeitig schult der Mensch seine eigene Balance: bewusst gesetzte Schritte, aktive Knie, tragende Fußballen und ein Körper, der in Lot und Selbsthaltung bleibt.
So wird bewusstes, klar geführtes Gehen zum roten Faden im Wintertraining mit dem Pferd. Es hält Pferd und Mensch mental und körperlich in Balance – und sorgt dafür, dass Tragkraft, Geschmeidigkeit und Vertrauen auch in der kalten Jahreszeit weiter wachsen.
