von Dr. Marcus Menzel

Seit einigen Jahren wird in der Pferdeszene verstärkt über die neue Methode der Kontrolle und Bekämpfung von Pferdedarmparasiten (= Endoparasiten), der sogenannten „Selektiven Entwurmung“ (Synonyme „Zeitgemäße Entwurmung“ „Modernes Endoparasiten-Monitoring“) kontrovers diskutiert. Dieser Artikel zur Selektiven Entwurmung soll Ihnen die Möglichkeit geben, einen Überblick über diese Methode zu erhalten.

Was ist „Selektive Entwurmung“?

Die „Selektive Entwurmung“ ist ein modernes Schema zur Erkennung (= Diagnose/Monitoring) von Endoparasiten und falls nötig zur Behandlung (= Entwurmung) von einzelnen Pferden als auch dem gesamten Pferdebestand. Es wird hierbei vorab durch spezielle Kotproben (= Monitoring-Proben; verwendete Untersuchungsver-fahren: die modifizierte McMaster-Methode und das kombinierte Sedimentations-Flotationsverfahren) überprüft, ob das einzelne Pferd derzeit einen gesundheitsbeeinträchtigenden Endoparasitenbefall in sich trägt. Ebenso wird festgestellt, welche speziellen Endoparasiten diese Gesundheitsbeeinträchtigung verursachen (… sind es im Einzelnen die Strongyliden, die Spulwürmer, die Bandwürmer, die Oxyuren oder andere?). In der Summe kann aus den Diagnosen bei den einzelnen Pferden dann auch eine Erkenntnis (Übersicht) über den Endoparasitenstatus am gesamten Stall erstellt werden.

Wiederkehrende Untersuchungen

Zur Definition eines „gesundheitsbeeinträchtigenden Befalls“ benötigt man einen internationalen und wissenschaftlich anerkannten Schwellenwert. Abhängig von den entsprechenden Endoparasiten sind unterschiedliche Schwellenwerte definiert. Sehr wichtig ist es hierbei zu erwähnen, dass eine einzige Kotprobenuntersuchung nicht im Sinne der Selektiven Entwurmung ist. Vielmehr ist es eines der Hauptziele der Selektiven Entwurmung, die einzelnen Pferde ständig und immer wiederkehrend (= kontinuierlich über Jahre hinweg) zu untersuchen. Überschreitet das Untersuchungsergebnis der jeweiligen Monitoring-Probe den parasitenabhängigen Schwellenwert, dann wird das Einzeltier (einzige Ausnahme: bei Bandwürmern auch alle anderen Pferde des Bestands) gezielt behandelt. Bislang gibt es für entwurmende Behandlungen (= anthelminthische Behandlungen) in der Pferdemedizin genau vier verschiedene Wirkstoffklassen (in Klammern werden beispielhaft entsprechende Wirkstoffe angeführt).

Dies sind folgende:
• Benzimidazole (z. B. Fenbendazol)
• Tetrahydropyrimidine (z. B. Pyrantel)
• Makrozyklische Laktone (z. B. Ivermectin oder das Reserveanthelminthikum Moxidectin)
• Praziquantel (zur Bandwurmbehandlung)Der behandelnde Tierarzt schlägt aus einer dieser

Wirkstoffklassen einen entsprechenden Wirkstoff zur Anwendung vor. Dieser Wirkstoff kann individuell je Pferd, je Bestand, je bekannter Wirksamkeit/Resistenz am Bestand und je Endoparasit durch den Mediziner vorgeschlagen werden. 14 Tage nach jeder notwendigen Behandlung erfolgt einesogenannte Kontrolle der Effektivität des verwendeten Wirkstoffs mithilfe der sogenannten Wirksamkeitskotprobe (ebenso nur eine reine modifizierte McMaster-Kotprobenuntersuchung). Diese ist erforderlich, um nachzuweisen, dass der verwendete Wirkstoff wirksam war beziehungsweise ist. Leider sind bereits heute oft viele Wirkstoffe nicht mehr wirksam. Dann spricht man von einer (beginnenden) Resistenz im einzelnen Pferdebestand/ in der Pferdepopulation.
Achtung! Nicht die Pferde sind resistent, sondern die Endoparasiten entwickeln eine Resistenz gegenüber den verwendeten Wirkstoffen.
Dieses einfache Monitoring-Schema hat somit alle Merkmale und Prinzipien einer „vorgeschalteten Diagnose und beweisführenden Behandlung“, auch bekannt unter dem Begriff „Evidence Based Veterinary Medicine“:
• Kontinuierliche Beprobung der Pferde mit speziellen Kotprobenuntersuchungen
• Jeweils ergebnisabhängige Entscheidung für oder gegen eine anthelminthische Behandlung des Einzelpferdes
• Effektivitätskontrolle im Fall einer notwendigen

Behandlung auf die Wirksamkeit des verwendeten Präparats

Ein sehr wichtiger Punkt sei hier nochmals eindringlich erwähnt: Die Selektive Entwurmung ist definitiv nicht gegen diagnostisch abgesicherte und daher notwendige Entwurmungsbehandlungen. Die Selektive Entwurmung ist jedoch eindeutig gegen jegliche sinnlose und nicht zielgerichtete Verwendung von Anthelminthika (= Entwurmungsmittel).

Unterschied – Strategische oder Selektive Entwurmung

Die sogenannte „Strategische Entwurmung“ basiert auf dem Grundgedanken, dass jedes Pferd öfter, über das Jahr hinweg verteilt oder ständig, gesundheitsbeeinträchtigende Mengen an Endoparasiten in sich trägt. So werden alle Pferde eines Bestands in einem bestimmten Rhythmus vorsorglich (= prophylaktisch) entwurmt, egal, welche Mengen und welche Arten an Endoparasiten das einzelne Pferd zu diesem Zeitpunkt in sich trägt. Geschichtlich (seit den 1960er-Jahren) hat sich dieses Vorgehen der „Strategischen Entwurmung“ aus der Behandlung gegen die sogenannten „Großen Strongyliden“ (= Strongylus vulgaris) heraus zur heute noch bekannten Vorgehensweise entwickelt. Dieser Parasit verursachte große Probleme in den Pferdebeständen (Koliken etc.) und man behandelte die Pferde damals dagegen viermal im Jahr mit einem neuen, dafür sehr effektiven Schema (Drudge und Lyons, 1966). In den Jahrzehnten danach funktionierte dieses Schema sehr gut, was in der Folge dazu führte, dass der „Große Strongylide“ in Westeuropa nahezu ausgerottet wurde und heute auch noch immer ist. Anfang der 1980er-Jahre kamen verstärkt die sogenannten „Kleinen Strongyliden“ (= Cyathostominae) in den Fokus der Pferdetierärzte. [Achtung: „Große“ und „Kleine“ Strongyliden unterscheiden sich sehr deutlich voneinander.] Das aus den 1960er-Jahren bekannte Schema von viermal im Jahr entwurmen wurde für die Behandlung der „Kleinen Strongyliden“ übernommen. Somit entwickelte es sich als eine Art Selbstverständnis, viermal im Jahr gegen die „Kleinen Strongyliden“ zu behandeln. Irgendwann wurde daraus dann folgende bekannte Vorgehensweise: „Behandle dein Pferd viermal im Jahr gegen die Würmer.“

Problem Resistenz

Infolge dieses beschriebenen Vorgehens bei der „Strategischen Entwurmung“ hat sich weltweit eine gefährliche und weitverbreitete Resistenzlage bei den einzelnen Wirkstoffgruppen/Wirkstoffen entwickelt. Bislang kannten viele Pferdebesitzer Resistenzprobleme eher aus dem Bereich der Antibiotika. Dort können Resistenzen ein sehr großes, teilweise sogar lebensbedrohendes Problem für die Pferde darstellen. Dies ist dann der Fall, wenn benötigte Antibiotika nicht mehr oder nur noch teilweise wirken. Jedoch schreiten auch bei den Anthelminthika (= Entwurmungsmitteln) für Pferde die Resistenzentwicklungen/Resistenzen ständig voran. Wie bereits zuvor (siehe oben) beschrieben, gibt es derzeit nicht mehr als vier Wirkstoffgruppen zur entwurmenden Behandlung von Pferden auf dem Markt. Die Pharmaindustrie forscht nach eigenen Angaben derzeit an keinen neuen Wirkstoffen. Somit müssen wir uns die derzeit auf dem Markt erhältlichen Wirkstoffe langfristig in ihrer Wirksamkeit und Effektivität erhalten. Dies kann unserer Ansicht nach derzeit nur mit der „Selektiven Entwurmung“ sinnvoll und realistisch erfolgen. Neben allen diesen Argumenten sollten in der heutigen Zeit auch Umweltaspekte in der Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Art der Kontrolle von Endoparasiten beim Pferd eine Rolle spielen. Letztendlich ist ein jedes Entwurmungspräparat, egal aus welchem Wirkstoff, ein chemisches Produkt, das mit dem Kot ausgeschieden wird. Es wird in der Folge auch wieder in den Boden-/Grundwasserhaushalt eingebracht werden.

Die Kritikpunkte an der Strategischen Behandlung:
• Es findet zu keinem Zeitpunkt eine vorgeschaltete Diagnose statt.
• Ein steter, gesundheitsbeeinträchtigender Endoparasitenbefall aller Pferde wird vorausgesetzt.
• Aufgrund dieser generalisierten Annahme wird dann nach dem sogenannten Gießkannenprinzip prophylaktisch jedes Pferd behandelt.
• Es erfolgt keine Kontrolle der Wirksamkeit des verwendeten Entwurmungswirkstoffs.
• Vielmehr wird vorausgesetzt und angenommen, dass die Behandlung sicher gewirkt hat.

Inwieweit es hier bereits zu Eingriffen in das Ökosystem gekommen ist oder nicht, vermag derzeit niemand reell abzuschätzen. Ebenso wie bei den zuvor bereits erwähnten Antibiotika-Anwendungen sollten wir uns jedoch überlegen, ob diese Stoffe nicht irgendwann wieder auf uns selbst zurückkommen.

Vorgehensweise der Selektiven Entwurmung

Man unterscheidet bei der Selektiven Entwurmung zwischen
• dem ersten Jahr der Untersuchung (Übersichtsjahr/Kategorisierungsjahr) und
• den jeweiligen numerischen Folgejahren.

Im Kategorisierungsjahr wird von jedem einzelnen Pferd mindestens viermal pro Jahr eine sogenannte „Monitoring-Probe“ untersucht. Am Ende des Kategorisierungsjahrs erfolgt für jedes einzelne Pferd eine Kategorisierung in eine der folgenden drei Gruppen:
• geringer oder Null-Strongyliden-Eiausscheider
• derzeit noch vakante Gruppe
• hoher Strongyliden-Eiausscheider

Der Kategorisierungsgruppe entsprechend werden die einzelnen Pferde im jeweiligen Folgejahr weiterhin kontinuierlich beprobt. Von einem geringen oder Null-Strongyliden-Eiausscheider müssen im ersten Folgejahr nur noch drei Monitoring Proben, im zweiten und den weiteren Folgejahren nur noch zwei Monitoring-Proben pro Jahr untersucht werden. Es kann jedoch nie ausgeschlossen werden, dass ein Pferd nicht irgendwann einmal wieder höhere Eiausscheidungen tätigt. Sollte dieser Fall eintreten (z. B. durch gesundheitsbedingte Probleme), dann kann es sehr leicht sein, dass das Pferd wieder in eine höhere Kategorie zurückgestuft wird und somit auch wieder mehr jährliche Monitoring-Proben zu untersuchen sind.
Da entsprechend nun mehrfach wissenschaftlich nachgewiesener Ergebnisse die meisten Pferde (ca. 70–80 % aller Pferde) geringe oder Null-Strongyliden-Eiausscheider sind, werden die Kosten im Übersichtsjahr der Selektiven Entwurmung sicher nicht billiger sein als bei der Strategischen Entwurmung. Jedoch erzielt man in den Folgejahren mittel- bis langfristig neben einem massiven Informationsgewinn auch eine Kostenreduktion.

Probensammlung

Mit einem übergestreiften Einmalhandschuh wird am besten mittig und tief in einen möglichst frischen, maximal vier Stunden alten Kothaufen des jeweils zu untersuchenden Pferdes gegriffen und eine große Handvoll Kot entnommen. Grundsätzlich sind für die Untersuchungen im Rahmen der Selektiven Entwurmung einmalige und individuelle Eintagesproben zu sammeln und zu untersuchen. Nur in ganz seltenen und speziellen Fällen sind Kotprobensammlungen von mehreren Tagen hintereinander sinnvoll.

Sammelkotproben sind bei der Selektiven Entwurmung nicht sinnvoll und somit abzulehnen.

Die Kotprobenuntersuchungen im Rahmen der Selektiven Entwurmung sollten in ein Labor versandt werden, das mit diesen Untersuchungen vertraut ist. Das Ergebnis aus einem solchen Labor sieht wie folgt aus:
• Strongyliden: Anzahl in der Einheit EpG (Eier pro Gramm Kot) (in 20 EpG-Schritten!)
• Spulwurm: Negativ/Positiv (positive Ergebnisse eventuell auch in Einheit EpG)
• Bandwurm: Negativ/Positiv
• Alle anderen aufgefundenen Endoparasiten: Negativ/Positiv

Ergebnisse, wie im Folgenden beschrieben, sind keine Ergebnisse im Zuge der Selektiven Entwurmung:

• Geringgradiger Befall mit Endoparasit xy
• Mittelgradiger Befall mit Endoparasit xy
• Hochgradiger Befall mit Endoparasit xy

Da mithilfe der EpG-Zahlen bei Monitoring-Proben und Wirksamkeitsproben die Wirksamkeit des verwendeten Wirkstoffs errechnet werden kann, wird klar, dass Ergebnisse wie gering-, mittel- oder hochgradiger Endoparasitenbefall nicht zielführend sein können.

Bsp.:

Wirksamkeit                    Ergebnis Wirksamkeitskotprobe (in EpG)
Präparat xy = 100 –    _______________________________________________* 100

Ergebnis vorausgegangene Monitoring-Probe (in EpG)

Für die Tetrahydropyrimidine (Pyrantel etc.) erwartet man noch Wirksamkeiten von ≥90 %. Bei dem Makrozyklischen Lakton IVERMECTIN wird eine Wirksamkeit von ≥95 % und von dem Makrozyklischen Lakton MOXIDECTIN (Reserveanthelminthikum) wird noch eine 100%ige Wirksamkeit erwartet. Bitte beachten Sie, dass bereits immer mehr Tierärzte selbst spezialisierte Labore im Zuge der Selektiven Entwurmung in ihrer Tierarztpraxis/Tierklinik betreiben. Fragen Sie einfach hierzu bei Ihrem Haustierarzt nach.

Dr. Marcus Menzel absolvierte die Ausbildung zum Industriekaufmann und machte sein Abitur über den zweiten Bildungsweg. Daraufhin folgte das Studium an der Veterinärmedizinischen Fakultät der LMU München (Ludwig-Maximilians-Universität). Seit 2006 ist er Inhaber der Tierarztpraxis Thurmading. Eines seiner besonderen Fachgebiete ist neben der Zahnmedizin und der Turniersportbetreuung von Pferden die „Selektive Entwurmung“.
www.selektive-entwurmung.com