… chemische Keule oder notwendiges Mittel?

von Anke Rüsbüldt

Pferde beherbergen normalerweise immer eine gewisse Zahl von Indoparasiten (Würmern) unterschiedlicher Arten und unterschiedlicher Entwicklungsstufen. Das ist normal. Unter den Haltungsbedingungen, die Menschen domestizierten Pferden heute bieten können, ist der Infektionsdruck erheblich höher als für Pferde in freier Wildbahn.

 Menschen müssen sich um die Wurmbürde ihrer Pferde kümmern. Bis heute ist dieses Problem nicht zufriedenstellend gelöst. Immer noch sterben Pferde infolge von Parasitenbefall! Kenntnis über die Parasiten, ihr Vorkommen, ihre Entwicklungszyklen und die Schäden, die sie anzurichten imstande sind, ist die Voraussetzung für strategische und koordinierte Bekämpfung. Worum handelt es sich genau? Zu Endoparasiten, die Pferden schaden, gehören sehr unterschiedliche Vertreter. Es gibt Rundwürmer, Bandwürmer und Insekten. Die größte Familie sind die Rundwürmer. Zu ihnen gehören Spulwürmer, Palisadenwürmer, Pfriemenschwänze, Lungenwürmer und Fadenwürmer:

Die Spulwürmer (Ascariden)

Spulwürmer kommen selten allein und ein Befall kann erhebliche Schäden anrichten. Überall in der Umgebung  der Pferde kommen Spulwurmeier vor. Sie kleben an Stallwänden, Einstreu und sogar außen am Euter der Mutterstute. Diese Eier sind sehr widerstandsfähig und können in der Außenwelt mehrere Jahre lang leben. Sie überstehen auch Winter. Ein erwachsener Spulwurm im Pferdedarm produziert mehrere 100.000 Eier am Tag. Nimmt ein Pferd diese Eier auf, schlüpfen im Dünndarm Larven, die direkt mit ihrer Körperwanderung beginnen. Durch die Darmwand gelangen die kleinen Larven mit dem Blut zur Leber. Hier machen sie eine Woche Pause und reisen dann weiter zur Lunge, wo sie sich erneut einen Aufenthalt von ein bis zwei Wochen gönnen. Anschließend kriechen sie durch Bronchien und Luftröhre in den Rachen und lassen sich runterschlucken. Jetzt wachsen sie zum erwachsenen Wurm heran und können selbst viele widerstandsfähige Eier legen. Zu diesem Zeitpunkt ist der Wurm 10 bis 16 Wochen alt und hat überall im Pferd Spuren hinterlassen. So ein Spulwurm wird 20 bis 50 Zentimeter lang. Im Kot sieht es aus wie Spaghetti oder lange Sojasprossen. Während seiner Körperwanderung ist dieser Wurm weder zu finden noch mit Wurmkuren zu bekämpfen. Die Wanderrouten in der Darmwand, der Leber und der Lunge bleiben geschädigt. Befallene Pferde können Durchfall, Atemwegssymptome, Koliken oder auch nur eine gestörte Entwicklung zeigen. Wenn Symptome oder Würmer sichtbar sind, ist der entstandene Schaden auch mit einer Bekämpfung der erwachsenen Würmer im Darm nicht mehr ungeschehen zu machen.

Die Palisadenwürmer
Kleine Strongyliden

Diese Parasiten sind das gewachsene große Problem für unsere Pferde. Von ihnen gibt es mehr als 40 verschiedene Arten. Sie sind 0,5 bis 2,5 Zentimeter lang, also im Kot sichtbar. Ihre Eier sind nicht sichtbar! Die Würmer leben im Dickdarm und legen Eier, die mit dem Kot auf die Weide fallen. Aus den Eiern, die im Äppelhaufen auf der Weide liegen, entwickeln sich innerhalb von fünf (bis 15) Tagen ansteckungsfähige Larven, die mit dem Gras wieder aufgenommen werden. Die Larven müssen dazu aus dem Haufen herauskriechen. Dies ist der Grund, weshalb in der Weidehygiene zum Absammeln alle drei Tage geraten wird! Die mitgefressenen Larven bohren sich in die Darmwand und können sich dort lange einkapseln. Bei pausenloser Weiterentwicklung benötigen sie etwa sechs Wochen, bis sie in den Darm zurückkommen und dort als erwachsene Würmer leben und Eier legen. Die Larven können in der Darmwand auch ein längeres Schläfchen machen, ohne Schaden zu nehmen. Hier sind sie für alle Wurmkuren, außer für solche mit dem Wirkstoff Moxidectin, nicht erreichbar. Sie können so bis zu 2,5 Jahren verpennen und auf eine gute Gelegenheit warten. Vernichtet zum Beispiel eine Wurmkur alle erwachsenen Würmer im Darm, dann ist Platz frei und die eingekapselten Larven setzen ihre Entwicklung fort. Deshalb hat das Pferd dann auch sehr schnell wieder Strongylideneier im Kot. Im Frühjahr kommt es auch oft zu einer Massenauswanderung der Larven in den Darm, die Pferde kriegen dann Durchfall. Vorsicht ist geboten bei der Bekämpfung der eingekapselten Larven, wenn diese sehr zahlreich sind. Das gleichzeitige Absterben aller Larven schädigt die Darmwand.

Große Strongyliden

Der Befall mit großen Strongyliden ist in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. Wichtigster Vertreter dieser Familie ist Strongylus vulgaris, der auch Blutwurm genannt wird. Er ist zwei bis fünf Zentimeter lang und seine Eier sind von denen der Kleinen Strongyliden in der Kotuntersuchung praktisch nicht zu unterscheiden. Die Larven dieses Wurms bohren sich durch die Darmwand in kleine arterielle Blutgefäße und wandern knapp zwei Wochen dem Blutfluss entgegen bis zu den jeweils nächstgrößeren Blutgefäßen. Haben sie eine schöne Blutgefäßgabelung gefunden, setzen sie sich dort zu einem mehrmonatigen Picknick fest. Einige Arten gehen auch gern in die Leber oder in die Bauchspeicheldrüse. Später lassen sie sich dann mit dem Blut zum Darm zurücktreiben, bohren sich mal wieder durch die Wand und legen als erwachsene Würmer eigene Eier. Auf der Wanderung verursachen sie Schäden in der Blutgefäßwand. So entstehen Thromben, die zu Koliken oder dem intermittierenden Hinken führen können. Gegen diese Schäden kann man dann praktisch nichts mehr tun.

Rundwürmer
Pfriemenschwänze

Das sind die einzigen Würmer, bei denen wir auch die Eier gut sehen können. Die weiblichen Würmer verlassen nämlich den Darm und legen ihre Eier in strandförmigen Paketen außen an den After. Zwergfadenwürmer sind am schnellsten in ihrer Entwicklung und schädigen vor allem sehr junge Fohlen. Magenfadenwürmer sind auch schnell, aber relativ selten. Lungenwürmer kommen bei Pferden und Eseln vor und werden bis zu acht Zentimeter lang und leben auch in der Lunge.

Bandwürmer

Ein Bandwurm kann im ausgewachsenen Stadium bis zu 80 Zentimeter lang werden! Er benötigt zu seiner etwa ein halbes Jahr dauernden Entwicklung vom Ei zum erwachsenen Wurm einen Zwischenwirt, die Moosmilbe. Die gibt es allerdings draußen nahezu überall. Der Bandwurmbefall scheint viel häufiger zu sein, als die Wissenschaft ursprünglich angenommen hat, und ist recht schwierig nachzuweisen. Wenn Bandwürmer, Eier oder Glieder angetroffen werden, sollte immer der ganze Bestand behandelt werden. Bandwürmer werden mit den normalen Wurmkuren nicht erreicht, es ist daher wichtig, speziell gegen Bandwürmer zu behandeln.

Magendasseln

Magendasseln sind keine Würmer, sondern die Larven der Dasselfliege. Sie legt ihre Eier gern an Pferdebeine. Abgeschleckt gelangen diese ins Pferd und werden zu kleinen, Michelinmännchen-förmigen Larven, die sich in der Magenschleimhaut festbeißen. Hier treten sie in der Zeit von September bis Dezember auf und bleiben, bis sie mit einem Antiparasitikum aus der Avermectingruppe vernichtet werden. Sie sind in der Kotprobe nicht nachweisbar.

Diagnose durch Kotproben

Im Prinzip ist es ganz einfach, man entnimmt eine Kotprobe und guckt, was da drin ist. Bei Proben von frischem Kot die oberen Bereiche nehmen, Rundwürmer, die im Erdreich leben, können sonst zu Verwechslung führen. Im Kot können ganze Parasiten, Teile von Parasiten, Eier oder Larven sein. Vieles davon sieht man nur unter dem Mikroskop. Die Kotprobe muss zur Untersuchung verändert werden. In der direkten Methode wird die gesamte Probe verdünnt unter dem Mikroskop angesehen. Die meisten Eier kann man mit der sogenannten Flotationsmethode sehen. Dazu wird Kot mit einer Salzlösung mit einem hohen spezifischen Gewicht aufgelöst, und die dann oben schwimmenden Parasiteneier können auf einem Objektträger unter dem Mikroskop angesehen werden. Schwere Parasiteneier kann man mit der Sedimentationsmethode nachweisen. Man kann Kot anreichern oder Larven anzüchten. Es ist daher wichtig zu wissen, was man sucht. Diese Untersuchungen sind qualitativ, das bedeutet, sie sagen, was drin ist. Um eine quantitative Aussage zu bekommen, muss man die Eier zählen. So werden etwa im McMaster-Verfahren in mehreren geeichten Kammern die Eier aus zwei Gramm in gesättigter Kochsalzlösung aufgelöstem Kot gezählt. Oft werden allerdings nur die Eier Kleiner Strongyliden dabei gezählt. Die quantitative Aussage ist keine verlässliche Angabe zur tatsächlich im Pferd befindlichen Anzahl an Würmern. Eier legen nur die Weibchen (männliche Würmer und jugendliche Stadien und Larven können daher durch die Eizahl nicht beurteilt werden).

Ältere Pferde können durch Immunreaktionen veranlassen, dass Würmer weniger Eier legen. So haben ältere Pferde kleinere Eizahlen im Kot, auch wenn sie genauso viele Würmer haben wie die jüngeren. Zudem erfolgt die Ausscheidung von Eiern nicht kontinuierlich. Ideal müsste man Sammelkotproben von drei Tagen zu allen Tageszeiten durchführen. Die Feuchtigkeit des Kothaufens hat natürlich auch einen Einfluss auf die Eizahl pro Gramm Kot (EPG).

Behandlung bei Parasitenbefall

Vorbeugen ist besser als heilen! Mit der Pflege von Stall und Weide und einem passenden Management der Pferdegruppen ist sehr viel zu erreichen. Vorbeugende Wurmkuren sind bei jungen Tieren (unter fünf Jahren) notwendig. Magendasselbefall wird immer im Spätherbst oder Winter behandelt. Sie sind darüber hinaus sehr sinnvoll zur Kontrolle der Wurmbürde in wechselnden Beständen, bei wiederholt oder dauernd genutzten Weiden, bei Verdacht oder bekanntem Infektionsdruck. In allen Fällen sollte das Verschreiben der Wurmkuren individuell durch einen Tierarzt erfolgen. Kontrollen durch Kotuntersuchungen sind dringend anzuraten.

Herkömmliche Wurmkuren
Derzeit stehen Wurmkuren aus vier Wirkstoffgruppen zur Behandlung zur Verfügung:
• Avermectine wie Ivermectin oder Moxidectin, sie helfen auch gegen Magendassellarven und das Moxidectin auch gegen eingekapselte Stadien der Kleinen Strongyliden. Resistenzen gegen diese Wirkstoffe sind bisher nicht bekannt.
• Pyrimidingruppe: Dazu gehört das Pyrantel, die Pasten sind gelblich. Sie helfen gegen alle Rundwürmer und in hoher Dosierung auch gegen Bandwürmer.
• Benzimidazolgruppe: Verschiedene Wirkstoffe, die sich zum Teil im Wirkspektrum unterscheiden. Diese Gruppe ist wegen der Resistenzen, die einige Kleine Strongyliden entwickelt haben, nicht mehr so beliebt. Sie helfen zuverlässig gegen Große Strongyliden, Spulwürmer und Pfriemenschwänze. Zur Beurteilung der Resistenzsituation müssen immer die aktuellen Berichte beachtet werden.
• Praziquantel ist der Wirkstoff gegen Bandwürmer. Es gibt ihn auch in Kombination mit Ivermectin.

Wurmkuren sind als Pasten (wenige auch als Tabletten) unter verschiedenen Markennamen erhältlich. Wichtig ist die Wirkstoffgruppe! Ein Wechsel innerhalb der Wirkstoffgruppe ist nicht sinnvoll, ein Wechsel der Gruppe schon. Wurmkuren sollen immer in ausreichender Dosis verabreicht werden. Der Behandlungserfolg sollte durch Kotuntersuchungen überprüft werden. Behandeln Sie Ihre Pferde nach Beratung mit Ihrem Tierarzt so wenig wie möglich und so viel wie nötig.

Anke Rüsbüldt ist Fachtierärztin für Pferde mit eigener Praxis in der Nähe von Hamburg. Die Buchautorin hat bereits mehrere Bücher geschrieben. Sie ist auch Amtstierärztin bei der Hamburger Pferdemesse „Hanse Pferd“.