von Gertrud Pysall

Für Pferde ist unser menschliches Verhalten nicht verstehbar. Sie können unsere eigene Ambivalenz nicht zuordnen. Pferde sind von Natur aus freundliche Wesen, die gern in Gesellschaft leben. Durch die Prägung auf den Menschen gehen sie zeitlebens davon aus, wir Menschen seien an einer Konversation mit ihnen interessiert. Sie sprechen uns an und erwarten eine Antwort. Sie wissen nicht, dass wir die Sprache gar nicht verstehen, und bemühen sich pausenlos, uns verständlich zu machen, was sie meinen.

Sie setzen alle Rituale ein, die sie für vernünftig hal­ten, und manchmal geschieht es, dass der Mensch zufäl­lig etwas tut, was dem Pferd wie eine Antwort vorkommt. Sie beobachten unser Handeln, und weil sie wie Pferde denken, glauben sie, alles, was wir tun, seien Worte, seien Appelle und Aussagen. Sie ahnen nicht, dass wir Analpha­beten sind, was die Pferdesprache betrifft.

Rang erfragen

Es gibt reichlich Situationen, in denen das Pferd nach dem Rang fragt. Aus Unwissenheit und weil wir als Menschen eben menschlich sind, sagen wir etwas zum Pferd, wovon wir gar nicht wissen, dass wir es „gesagt“ beziehungsweise dem Pferd vermittelt haben. Was wir aber unwissentlich behauptet haben, ist, dass wir keinen Wert auf irgendeinen Rang legen. Somit machen wir versehentlich das Pferd zum Entscheidungsträger und es handelt dann dementsprechend. Sobald es eigenmächtig Entscheidungen fällt, zu denen es sich durch uns beauf­tragt fühlt, bekommt es von uns eine Verwarnung oder auch Strafe. Deswegen fragt es erneut an und versucht, sich Klarheit zu verschaffen. Der unbedarfte Mensch, der das Pferd inhaltlich nicht versteht, sagt jetzt wieder, er wolle nicht entscheiden, und macht das Pferd zum „Chef“. Es handelt also wiederholt aus der Position heraus, die wir ihm gerade wieder bestätigt haben, und tut, was es für richtig hält. Das ist meist nicht das, was der Mensch gerade will, und somit hat es sich erneut eine Strafe eingehandelt. Dieses „Spiel“, das keines ist, können wir jetzt noch mehr­fach wiederholen. Es ereignet sich fast täglich mit fast jedem Pferd­-Mensch-­Paar. Das ist ein erheblicher Stress für das Pferd. Es erlebt uns Menschen als pausenlos widersprüchlich. Es macht alles, so gut es kann, bemüht sich um Einvernehmlichkeit, fragt uns freundlich, ob wir ein Leittier sind, und übernimmt dann die Position für uns beide, weil wir sie nicht wollen. …

Lesen Sie mehr zum Thema im Artikel „Pferdesprache – (k)ein Problem?“ in Natural Horse Ausgabe 01/2020

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